Von rosa Welten und blauem Schein
Heute Morgen wollte ich eigentlich nur etwas ganz Harmloses. Ich habe nach einer Idee für einen Adventskalender für meinen Sohn gesucht. Nicht noch mehr Spielsachen. Nicht jeden Tag Schokolade. Sondern gemeinsame Zeit, kleine Erlebnisse, vielleicht ein bisschen Verbindung und Vorfreude. Und dann bin ich über etwas gestolpert, bei dem ich wirklich kurz dachte:
Ernsthaft? Im Jahr 2026?
Ein Mama-Kind-Adventskalender.
Auf dem Cover: Mama und Mädchen. Rosa-rote Farbwelt.
Daneben die Variante für Papa. Papa und Junge. Grün-blau.
Und da sass ich nun als Mutter eines Jungen und fragte mich etwas überspitzt:
Welchen soll ich denn jetzt kaufen?
Den Mama-Kind-Adventskalender, weil ich nun mal die Mama bin – obwohl mir das Cover offensichtlich eine Mutter-Tochter-Welt präsentiert?
Oder den Papa-Kind-Adventskalender, weil dort immerhin ein Junge abgebildet ist?
Natürlich könnte ich einfach irgendeinen davon kaufen. Mein Sohn würde sich vermutlich keine zwei Sekunden Gedanken darüber machen.
Aber genau darum geht es mir nicht.
Es geht um die Bilder, die wir Erwachsenen immer und immer wieder produzieren.
Mama – Mädchen – rosa. Papa – Junge – blau.
Echt jetzt?
Vielleicht trifft mich dieses Thema auch deshalb so, weil ich es mit meinem eigenen Sohn immer wieder erlebe.
Er ist blond, hat längere Haare im Surfer-Style, blaue Augen und ist sehr schmal gebaut.
Er mag Glitzer. Und manchmal mag er es, seine Finger- und Zehennägel anzumalen.
Nicht, weil er damit irgendeine Botschaft senden möchte. Sondern vermutlich aus dem einfachsten Grund der Welt: Weil es ihm gefällt.
Und trotzdem wird er immer wieder für ein Mädchen gehalten.
Bis jetzt ist ihm das ziemlich egal. Und genau so soll es sein.
Aber ich frage mich schon: Wie lange bleibt es ihm egal, wenn seine Umwelt ihn immer wieder darauf aufmerksam macht, dass sein Aussehen offenbar nicht zu dem passt, was wir unter einem Jungen verstehen?
Wann wird aus einem beiläufigen „Oh, ich dachte, du bist ein Mädchen“ irgendwann die Frage:
Sehe ich falsch aus?
Sind meine Haare zu lang?
Darf ich Glitzer eigentlich mögen?
Sind lackierte Fingernägel bei mir komisch?
Vielleicht passiert das nie. Das hoffe ich.
Aber vielleicht sollten wir als Erwachsene auch nicht ausprobieren, wie oft ein Kind solche Botschaften hören kann, bevor sie etwas mit ihm machen.
Deshalb möchte ich an dieser Stelle etwas ziemlich Unpädagogisches sagen:
Hört doch einfach auf damit.
Hört auf, aus langen Haaren ein Geschlecht zu machen.
Hört auf, Farben einem Geschlecht zuzuordnen.
Hört auf, aus Glitzer, Fussball, Nagellack, Puppen, Baggern, Kleidern oder kurzen Haaren abzuleiten, wer ein Kind zu sein hat.
Und vor allem:
Hört auf, Kindern zu zeigen, dass sie von unserer Vorstellung von „Junge“ oder „Mädchen“ abweichen.
Vielleicht können wir stattdessen einfach sagen:
„Coole Nägel.“
Oder:
„Du hast aber lange Haare.“
Oder – ganz verrückte Idee – gar nichts dazu sagen!
Als Heilpädagogin begegnen mir solche Zuschreibungen nicht nur beim Thema Geschlecht.
Wir Erwachsenen sind unglaublich schnell darin, Kinder einzuordnen.
Der Wilde. Die Schüchterne. Der Schwierige. Die Brave. Der Mathetyp. Die Sprachbegabte. Der Sportliche. Das sensible Mädchen. Der wilde Junge.
Schubladen machen unsere Welt übersichtlicher. Nur leider machen sie Menschen manchmal kleiner. Denn sobald wir glauben zu wissen, wie jemand ist, beginnen wir häufig auch unbewusst damit, entsprechend mit diesem Menschen umzugehen.
Wir trauen ihm etwas zu oder eben nicht.
Wir erwarten bestimmtes Verhalten.
Wir übersehen vielleicht Seiten an ihm, die nicht zu unserem Bild passen.
Und Kinder nehmen solche Erwartungen wahr. Sehr genau sogar.
Kinder entwickeln ihr Bild von sich auch durch unseren Blick
Aus heilpädagogischer Sicht beschäftigt mich genau das.
Kinder entwickeln ihr Selbstbild nicht im luftleeren Raum. Sie erleben sich auch durch die Reaktionen ihrer Umwelt.
Was wird gelobt?
Was wird kommentiert?
Worüber wird gelacht?
Was gilt als normal?
Und was wird immer wieder als „anders“ markiert?
„Jungs sind halt so.“
„Das ist eher etwas für Mädchen.“
„Du bist doch ein starker Junge.“
„Das ist aber eine richtige Mädchenfarbe.“
„Willst du deine Haare nicht endlich schneiden?“
Ein einzelner Satz wird vermutlich kein Selbstbild erschüttern.
Aber viele kleine Botschaften können irgendwann zu einem inneren Satz werden:
So, wie ich bin, bin ich irgendwie nicht ganz richtig.
Und genau diesen Satz möchte ich keinem Kind mitgeben.
Auch in meiner kinesiologischen Arbeit begegnen mir solche inneren Sätze
Ich soll.
Ich muss.
Ich darf nicht.
So bin ich eben.
Das kann ich nicht.
Das macht man nicht.
Manche dieser Sätze tragen Menschen jahrelang mit sich herum.
Und irgendwann sind sie so selbstverständlich geworden, dass wir gar nicht mehr merken, dass es vielleicht ursprünglich gar nicht unsere eigenen waren.
In meiner kinesiologischen Arbeit interessiert mich deshalb nicht zuerst:
Was stimmt mit diesem Menschen nicht?
Sondern:
Was braucht dieser Mensch, damit er wieder Zugang zu sich selbst bekommt?
Zu seinen Ressourcen.
Zu seinen Möglichkeiten.
Zu dem, was vielleicht längst da ist, aber unter Erwartungen, Bewertungen und Zuschreibungen etwas leiser geworden ist.
Vielleicht könnten wir 2026 einfach einen Schritt weiter sein
Und deshalb komme ich zurück zu meinem Adventskalender.
Nein, dieses rosa Cover wird vermutlich kein Kind traumatisieren.
Darum geht es überhaupt nicht.
Es ist nur ein winziges Beispiel für etwas, das wir ständig tun.
Rosa. Mädchen. Mama.
Blau. Junge. Papa.
Und ich frage mich:
Brauchen wir das wirklich noch?
Ich wünsche mir keinen Adventskalender für „Mama und Mädchen“.
Und keinen für „Papa und Junge“.
Ich wünsche mir einen Kalender für:
Mensch und Lieblingsmensch.
Oder meinetwegen einfach:
24 Tage Zeit miteinander.
Auf dem Cover dürfen dann ein Junge mit lackierten Fingernägeln, ein Mädchen mit Fussball unter dem Arm, eine Mama mit ihrem Sohn und ein Papa mit seiner Tochter sein.
Oder noch revolutionärer:
Einfach Menschen.
Denn Kinder brauchen keine Erwachsenen, die ihnen erklären, in welche Schublade sie passen.
Sie brauchen Erwachsene, die neugierig darauf bleiben, wer da eigentlich vor ihnen steht.
Vielleicht ist das sogar eine der schönsten Aufgaben, die wir als Eltern, Lehrpersonen und Begleitpersonen haben:
Nicht aus einem Kind jemanden zu machen.
Sondern ihm den Raum zu geben, herauszufinden, wer es bereits ist.
Und wenn mein Sohn irgendwann beschliesst, dass Glitzer doof ist, die Haare ab sollen und Nagellack überhaupt nicht mehr sein Ding ist?
Auch gut. Aber dann soll es seine Entscheidung sein. Nicht die Konsequenz daraus, dass wir Erwachsenen ihm oft genug erklärt haben, was ein Junge angeblich zu mögen, zu tragen oder auszusehen hat.
Und ich?
Ich bastle meinem Sohn seinen Adventskalender jetzt wahrscheinlich einfach selbst.
Ganz ohne Rosa-Blau-Konzept.
Vielleicht ist hinter Türchen Nummer 1 einfach ein gemeinsames Frühstück im Pyjama.
Mit lackierten Zehennägeln.
Oder ohne.
Ist nämlich völlig egal.


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