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Wenn die Erwartung anderer lauter sind als die eigene Stimme

vor 3 Tagen
4 Min. Lesezeit

Warum dürfen wir nicht einfach fühlen, was wir fühlen?

«Wenn ihr dann einmal Kinder habt …»

Ein Satz, den ich früher immer wieder gehört habe. Ganz selbstverständlich. Als wäre bereits klar, dass ich irgendwann Mutter werden würde.

Dabei wusste ich lange nicht, ob ich überhaupt Kinder möchte.

Was mich daran verletzte, war nicht die Frage nach Kindern. Es war vielmehr die Tatsache, dass gar niemand fragte.

Meine Gedanken, meine Wünsche und meine Unsicherheit schienen keinen Platz zu haben. Andere hatten bereits eine Vorstellung davon, wie mein Leben einmal aussehen würde.

Und dieses Gefühl war mir nur allzu vertraut.

Nicht wirklich gesehen werden. Nicht gehört werden. Und das Gefühl haben, dass andere besser wissen, was für einen richtig ist.


Und dann war ich schwanger …

Ich wusste, dass ich mich auf dieses Kind freue.

Aber die Schwangerschaft selbst? Die habe ich ganz anders erlebt, als ich es mir vielleicht vorgestellt hatte.

Ich habe mein Kind während der gesamten Schwangerschaft nicht gespürt. Bei den Kontrolluntersuchungen erzählte mir meine Ärztin immer wieder, wie aktiv es sei und wie fest es sich bewege. Ich selbst bemerkte davon nichts.

Ob das mit der Lage der Plazenta zusammenhing, weiss ich bis heute nicht.

Dabei verlief meine Schwangerschaft völlig problemlos. Und trotzdem wollte ich eigentlich nur eines: möglichst schnell nicht mehr schwanger sein.

Nicht, weil ich mich nicht auf mein Kind freute. Sondern weil ich einfach nicht gerne schwanger war.

Wenn ich davon erzählte, hörte ich durchaus auch von anderen Frauen, denen es ähnlich ergangen war. Und trotzdem hatte ich oft das Gefühl, mit meinem Erleben irgendwie aus der Reihe zu tanzen.

Vielleicht lag es an den vielen glücklichen Schwangeren in meinem Umfeld. Oder an den Bildern auf Instagram, auf denen alle ihre Schwangerschaft scheinbar in vollen Zügen genossen. Irgendwann löschte ich die App sogar.

Es war weniger das, was andere sagten, sondern vielmehr das, was unausgesprochen im Raum stand: Eine Schwangerschaft ist etwas Wunderschönes. Man sollte glücklich sein, sie geniessen und dankbar dafür sein. Schliesslich gibt es viele Frauen, die sich genau das sehnlichst wünschen.

Besonders in Erinnerung geblieben ist mir ein Gespräch mit meiner Hebamme. Weil ich die Schwangerschaft nicht wirklich spürte und sie auch nicht als besonders schön empfand, befürchtete sie, dass ich nach der Geburt in eine postpartale Depression geraten könnte, und empfahl mir, eine Psychologin aufzusuchen.

Ich weiss, dass diese Empfehlung aus Sorge entstanden sein dürfte. Und natürlich ist es wichtig, mögliche psychische Belastungen ernst zu nehmen.

Aber für mich fühlte es sich in diesem Moment wieder so an, als würde jemand aus meinem Erleben etwas ableiten, das gar nicht meiner eigenen Wahrnehmung entsprach.

Ich freute mich auf mein Kind. Ich war einfach nicht gerne schwanger. Warum durfte das nicht einfach nebeneinander bestehen?

Rückblickend hätte ich mir nicht gewünscht, dass alle meine Gefühle verstehen. Sondern dass sie einfach erst einmal so stehen bleiben dürfen, wie sie sind.

Ohne Erwartungen. Ohne Vergleiche. Ohne vorschnelle Schlussfolgerungen.


Wenn selbst Gefühle Erwartungen erfüllen müssen

Rückblickend beschäftigt mich genau das.

Wir leben in einer Gesellschaft, in der es für vieles eine Vorstellung davon gibt, wie es sein sollte.

Wenn wir heiraten, sollen wir überglücklich sein. Wenn wir schwanger werden, sollen wir strahlen. Wenn wir ein Kind bekommen, sollen wir jeden Moment geniessen.

Und auf Social Media scheint dieses Bild noch verstärkt zu werden.

Glückliche Schwangere, wunderschöne Babybäuche, perfekte Familienmomente.

Doch was ist mit all den anderen Gefühlen?

Mit Unsicherheit? Mit Überforderung? Mit dem Gefühl, dass eine Schwangerschaft einfach eine Schwangerschaft ist und nicht automatisch der schönste Zustand der Welt?

Warum müssen wir uns dafür erklären?

Warum reicht es nicht, wenn jemand sagt: «So fühlt es sich für mich an»?


Jeder Kinderwunsch hat seine eigene Geschichte

Manche Frauen wünschen sich schon ihr ganzes Leben lang ein Kind.

Andere wissen lange nicht, ob sie überhaupt Mutter werden möchten.

Manche erleben ihre Schwangerschaft als wunderschöne Zeit. Andere können mit dieser Vorstellung wenig anfangen.

Und wieder andere wünschen sich sehnlichst ein Kind und müssen Monat für Monat mit Enttäuschungen umgehen oder durchlaufen belastende Kinderwunschbehandlungen.

All diese Geschichten sind unterschiedlich.

Und gerade deshalb finde ich es so wichtig, dass wir aufhören, unsere eigenen Vorstellungen auf andere Menschen zu übertragen.

Denn nur weil ich eine Schwangerschaft nicht als besonders erfüllend erlebt habe, bedeutet das nicht, dass ich mein Kind weniger liebe.

Und nur weil sich jemand ein Kind wünscht, bedeutet das nicht, dass gut gemeinte Ratschläge hilfreich sind. Wir dürfen unterschiedliche Geschichten haben. Und wir dürfen unterschiedlich fühlen.


Was hat das mit Kinesiologie zu tun?

Manchmal begleiten uns bestimmte Erfahrungen und Muster über viele Jahre, ohne dass wir uns dessen wirklich bewusst sind. Wir lernen, uns anzupassen, Erwartungen zu erfüllen und unsere eigenen Bedürfnisse zurückzustellen. Vielleicht so sehr, dass wir irgendwann gar nicht mehr genau wissen, was wir selbst eigentlich möchten oder fühlen. In der Kinesiologie beschäftigen wir uns unter anderem mit solchen Zusammenhängen. Mit dem, was uns emotional bewegt, wie wir auf Stress reagieren und welche Erfahrungen uns geprägt haben. Dabei geht es nicht darum, Gefühle zu bewerten oder zu verändern, nur weil sie nicht den Erwartungen anderer entsprechen. Sondern darum, genauer hinzuschauen, die eigene Wahrnehmung zu stärken und sich selbst wieder mehr Raum zu geben.

Denn nicht jedes Gefühl muss verändert werden. Manchmal möchte es einfach nur wahrgenommen werden.


Vielleicht sollten wir einfach öfter zuhören

Heute bin ich Mutter. Und wenn ich auf meinen Weg zurückblicke, dann denke ich nicht, dass ich damals anders hätte fühlen müssen. Ich hätte mir einfach gewünscht, dass meine Gefühle und Bedürfnisse Platz gehabt hätten. Ohne Bewertung. Ohne Vergleiche. Ohne Erwartungen.

Vielleicht müssen wir gar nicht immer alles verstehen, was ein anderer Mensch empfindet.

Vielleicht reicht es manchmal, einfach zuzuhören und anzuerkennen, dass sein Erleben anders ist als unser eigenes.


Denn jeder Mensch hat seine eigene Geschichte und jedes Gefühl darf erst einmal einfach da sein und so stehen bleiben.


Eye-level view of a parent and child practicing kinesiological exercises together


 
 
 

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